2020 Gedanken zum 2.Ostersonntag, 19.4.20 Drucken
Donnerstag, den 16. April 2020 um 15:56 Uhr

Gedanken zum 2. Ostersonntag, 19. April 2020
Evangelium: Joh 20,19-31: Der „ungläubige“ Thomas

Wir sprechen schnell vom „ungläubigen“ Thomas, vom Zweifler. Stimmt das eigentlich, was da über Generationen dem Thomas angehängt wird?

Thomas reicht es nicht, was die anderen ihm sagen. Er will seinen Glauben an Jesus nicht vom Hörensagen her aufbauen. Als kritischer Geist möchte er gerne handgreifliche Beweise: „Wenn ich nicht das Mal der Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich meinen Finger nicht in das Mal der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht.“

Viele Künstler haben diese Szene dargestellt. Eines der berühmtesten Gemälde von Michelangelo Merisi da Caravaggio ist mit „Der ungläubige Thomas“ überschrieben. Es hängt in der Bildergalerie des Schlosses Sanssouci in Potsdam und dürfte zwischen 1601 und 1603 entstanden sein. Jesus hat bereitwillig seine Seitenwunde bloßgelegt und führt mit seiner Linken, indem er das Handgelenk des Thomas umfasst, dessen Hand sanft aber bestimmt an seine Wunde. Thomas sticht mit geradezu inquisitorischer Handgreiflichkeit weit in die Seitenwunde hinein; nach vorne gebeugt, mit hochgezogenen Stirnfalten und aufgerissenen Augen beobachtet er, wie sein rechter Zeigefinger eindringt. Jesu Kopf ist nach unten geneigt, geduldig und nachsichtig lässt er es geschehen.

Ein ausdrucksstarkes Bild! Doch man kann sich fragen, ob mit dem genialen Maler nicht seine Fantasie durchgegangen ist. Denn im Bibeltext ist keine Rede davon, dass Thomas wirklich seinen Finger in die Seitenwunde legt. Zur Theologie des Johannesevangeliums würde es auch nicht passen, dass Thomas den gewünschten handgreiflichen Beweis bekommt.

Vielmehr lässt der Evangelist am Ende Jesus sagen: „Selig, die nicht sehen und doch glauben.“

Es steht nicht im Text, dass Thomas das Angebot Jesu „Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite“ tatsächlich angenommen hat. Stattdessen schließt sich direkt an die Aufforderung Jesu das Bekenntnis des Thomas an: „Mein Herr und mein Gott!“

Was hat nun den Thomas überzeugt?

Könnte es sein, dass Thomas zum Glauben kommt, weil Jesus ihn anspricht. So wie der Auferstandene Maria von Magdala mit Namen angesprochen hat, so wurde Thomas angesprochen. So ist das Suchen, Zweifeln und Fragen des Thomas von Jesus erwidert worden, der Evangelist gestaltet die Begegnung als Dialog, es hat sich zwischen beiden eine persönliche Beziehung aufgebaut.

Das Johannesevangelium will sagen: Der Auferstandene lässt sich nicht objektiv erfahren, sondern nur in der persönlichen Begegnung, in der personalen Beziehung, im Geliebtwerden, im inneren Berührtwerden.

Sie werden fragen: Sind wir da nicht heute schlechter dran als Thomas, wie können wir dem Auferstandenen persönlich begegnen, von ihm angesprochen werden?

Im Evangelium hat es geheißen: „Acht Tage darauf waren seine Jünger wieder versammelt und Thomas war dabei.“ Der 8. Tag, ist der Sonntag nach dem Herrentag, dem 1. Tag der Woche, an dem sich die Jüngergemeinde zum Gottesdienst traf. Für den Evangelisten Johannes ist es klar, dass die Gegenwart des auferstandenen Christus im Gottesdienst der Gemeinde erfahren werden kann. Vermutlich wurde der Gottesdienst unter den Christen der johanneischen Gemeinden üblicherweise mit dem Friedensgruß „Friede sei mit euch“ eröffnet, wie es auch vom auferstandenen Christus im Evangelium berichtet wird. Im Gottesdienst also, in Wort und Sakrament, in der Heiligen Schrift und in den Zeichen von Brot und Wein ist der auferstandene Christus lebendig gegenwärtig.

Andererseits ist nicht das Anfassen gefragt, sondern der Glaube. Der Glaube ist der Verzicht auf das Anfassen und das Akzeptieren der Unverfügbarkeit des Auferstandenen.

Der sogenannte „Weiße Sonntag“, auch „Barmherzigkeitssonntag“ genannt, ist traditionell der Festtag der Erstkommunionkinder mit ihren Familien. Das Evangelium vom „ungläubigen Thomas“ müsste umgeschrieben werden als Evangelium derer, die eine persönliche Beziehung zu Jesus suchen. Diese Beziehung geht über Fragen, Suchen und Zweifel, und sie geht freilich über Menschen, über die Eltern, über glaubwürdige Vorbilder, und über die Erfahrung im Gottesdienst und in vielen Zeichen. Andererseits bleibt dies alles rein menschliches Tun, wenn nicht der auferstandene Christus selbst die Herzen der Menschen berührt. Der Auferstandene bleibt unverfügbar, der Glaube bleibt Geschenk.

Deshalb meine Bitte: Jesus, du auferstandener Christus, berühre die Herzen der Menschen, aller, die eine Beziehung zu dir suchen, der Kommunionkinder und ihrer Familien, mit deinem österlichen Leben. Entfache unsere Herzen mit deiner Botschaft, dass das Leben siegt und unser Leben in deiner Liebe für immer geborgen ist, und dass unsere Wunden in deinen Wunden geheilt sind.

Pius Angstenberger

Zuletzt aktualisiert am Freitag, den 17. April 2020 um 19:59 Uhr